Margarete Bause, MdL

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24. April 2004

Lust macht schlau

Vorsprung durch Bildung - Wege in die Zukunft

Frage ans Publikum: Überlegen Sie mal kurz, welcher Satz aus Ihrer Schulzeit ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

Jede Wette: In der Mehrheit sind es negative Sätze, wenig angenehme Erinnerungen, Verunsicherungen, ja sogar Erfahrungen von Geringschätzung und Demütigung.

Viele von uns haben es erfahren und auch heute noch herrscht in unserer Gesellschaft ein Verständnis von Bildung, von Schule wie von Medizin: je bitterer desto wirksamer. Je mühsamer und tränenreicher der Weg, desto strahlender die Leistung am Ende. Gelobt sei, was hart macht. Das ist das fatale Missverständnis von Bildung und Schule, das bis heute in Deutschland - und in ganz besonderer Form in Bayern - wirksam ist. Dieses fatale Missverständnis dominiert unsere bildungspolitischen Diskussionen nach wie vor. Wie schnell werden zum Besipiel das Infragestellen von Noten und der Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Sitzenbleibens als Kuschelpädagogik diffamiert. Das hören Sie nicht nur am Stammtisch und im Bayerischen Landtag. Das ist tief eingegraben in die Köpfe und Seelen. Und das alles wider besseres Wissen.

Andere Länder zeigen es uns, die Hirnforschung belegt es, wir selbst haben es am eigenen Leib erfahren: Druck, Angst und Misstrauen lassen uns nicht besser werden, sondern entmutigen und untergraben das Selbstvertrauen. Wer Angst hat, kann nicht mehr kreativ sein - das ist die einfache und klare Erkenntnis der Hirnforschung. Und daraus müssen wir endlich Konsequenzen ziehen für unser gesamtes Bildungssystem.

Dass unsere Schulen nicht wirklich Spaß machen, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Aber bis zur PISA-Studie trösteten wir uns damit, wenigstens die Schulen zu haben, die zu den besten Leistungen führen. PISA hat uns dieser Illusion beraubt, selbst wenn sich in Bayern manche bis heute an diese Illusion klammern. Ich finde, es ist kaum Grund zum Stolz, unter vielen Fußkranken noch am schnellsten humpeln zu können. Wir müssen nicht lernen schnell zu humpeln, sondern frei zu laufen und zu springen.

Der internationale Vergleich hat aufgedeckt, dass die Freudlosigkeit in unseren Schulen nicht das notwendige Übel ist, um gute Ergebnisse zu erreichen. Im Gegenteil: beide Mängel verstärken sich gegenseitig. Schlechte Stimmung führt zu mieser Leistung. Die negativen Erfahrungen saugen vielen Schülern die Kraft ab, die sie fürs Lernen bräuchten. Und umgekehrt - das zeigen die erfolgreichen Beispiele aus anderen Ländern oder von engagierten Schulen hierzulande - umgekehrt steigt mit der Lust am Lernen auch die Leistung. Lust und Leistung ergänzen sich, beflügeln sich. Bei uns werden sie häufig noch als unvereinbare Gegensätze wie Feuer und Wasser begriffen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat das schöne Wort von der Lernlibido geprägt. Lernlibido ist für ihn die Neugier, die Begeisterung, die Vorfreude auf sich selber, die Kinder in sich tragen. Diese Lernlibido ist das eigentliche Kapital, die Quelle von Entwicklung, Bildung und Wissen. Lernlibido ist durch nichts zu ersetzen, weder durch Nachhilfe noch durch Ermahnungen und auch nicht durch mehr Unterricht oder Intensivierungsstunden. Von Lernlibido zu reden klingt im Zusammenhang mit unserem Schulsystem ziemlich unpassend, fast schon obszön.

Unsere Bildungseinrichtungen sind viel eher Lernlusttöter als Lernlustförderer. Und das liegt auch und gerade daran, dass wir Weltmeister im Aussortieren und Auslesen sind. Bayern ist auch da wieder mal Spitze. Dieser Einteil- und Sortierwahn bedeutet für die Schüler zweierlei: zum einen lernen sie permanent unter einem Damoklesschwert. In unserem Schulsystem droht dauernd der Ausschluss, die Abschiebung in eine andere Schule, die in der gesellschaftlichen Wertschätzungshierarchie weiter unten angesiedelt ist.

Das drückt nicht nur auf die Stimmung, es schwächt das Selbstbewusstsein, die Lernbereitschaft und letztendlich die Leistungsfähigkeit. Und zum anderen wird damit latent die Botschaft vermittelt: du gehörst nicht wirklich dazu, wir brauchen dich hier nicht, du bist vielleicht geduldet, aber nicht willkommen. Das zerstört im Kern die Lernlibido, das schafft Misstrauen und fördert die Schulverzweiflung bei allen Beteiligten.

Dieses System ist nicht nur leistungshemmend, es ist auch besonders ineffizient. Schauen wir uns doch mal das so hoch gelobte bayerische Gymnasium an. Es hat die höchsten Investitionen pro Schüler, aber die niedrigste Erfolgsquote. 30 Prozent der bayerischen SchülerInnen erhalten die Übertrittsempfehlung (über die Aussagekraft dieser Empfehlung wäre auch noch viel zu sagen), aber nur 2o Prozent machen dann auch Abitur. Das heißt, "unterwegs" gehen sage und schreibe ein Drittel der SchülerInnen verloren. Das Gymnasium schafft es nicht, ein Drittel dieser eh schon erlauchten Minderheit ans Ziel zu bringen.

Ich fragte mich, welche andere Organisation könnte sich eine derart miserable Erfolgsbilanz leisten? Aber absurderweise ist man hierzulande sogar noch stolz auf dieses groteske Missverhältnis von Einsatz und Ergebnis. Oder die Zahl der Sitzenbleiber. Da ist Bayern Spitzenreiter. 60.000 Jugendliche bleiben pro Schuljahr sitzen. 250 Millionen Euro jährlich kostet uns diese Ineffizienz. Von der Vergeudung von Lebenszeit ganz zu schweigen. Oder die Zahl der Schüler ohne Abschluss. Mehr als 10 Prozent eines Jahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss. Davon sind ein Viertel Kinder aus Migrantenfamilien. Ein effizienter Umgang mit den Ressourcen Zeit, Geld, Begabung und Motivation sieht anders aus.

Diese Vergeudung von Lebenschancen und persönlichen und gesellschaftlichen Ressourcen dürfen wir uns nicht länger leisten. Ich verwende hier bewusst die ökonomischen Begriffe Effizienz, Ressourcen, Leistung. Denn unser Bildungssystem ist nicht nur nicht kindgerecht, es ist nicht nur sozial ungerecht, es zerstört nicht nur Lernfreude. Es ist zu allem Überfluss auch leistungshemmend und ineffizient. Und es ist leistungshemmend und ineffizient, gerade WEIL es dem einzelnen Kind nicht gerecht wird, gerade weil es ungerecht ist, gerade weil es die Lernlust zerstört.

Hier muss die Reform des bayerischen Schulsystems ansetzen. Tatsächlich erleben wir Bastelarbeiten und Flickschusterei, die die Situation häufig verschlimmbessern.

Viele dieser Erkenntnisse sind nicht neu. Die Reformpädagogik auch in unserem Land weiß das schon lange. Aber sie konnte sich häufig nicht durchsetzen. Heute hat sie vielleicht einen großen historischen Vorteil: sie ist die bessere Vorbereitung auf die Wissensgesellschaft. Die Industriegesellschaft setzte auf Disziplin, Belehrung, Kontrolle und auf Misstrauen. Darin waren wir gut. Aber die Wissensgesellschaft ist angewiesen auf Selbstorganisation, Selbständigkeit, Lernen und Vertrauen. Darin müssen wir gut werden. Die Erkenntnisse dazu gibt es.

Und deshalb sollten wir nicht länger fragen: "Wer hat Schuld?", sondern "Was können wir tun?"

Das gilt für die Schule und für die Politik.

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