Besuch einer Übergangsklasse1

Perspektiven schaffen – Integration ermöglichen

„Unsere Flüchtlingskinder sind eine Bereicherung für unsere Schule“, sagt Reinhard Müller, Rektor der Grund- und Mittelschule Weidenberg im Landkreis Bayreuth gleich zu Beginn unseres Besuchs. Zusammen mit meiner oberfränkischen Kollegin Ulrike Gote will ich wissen, wie es konkret ausschaut in einer Übergangsklasse, welche Schwierigkeiten es gibt, welche Chancen und was die Schulen brauchen damit Integration gelingt. Wir sind beeindruckt vom Engagement der gesamten Schulfamilie einschließlich der tatkräftigen Unterstützung des Fördervereins. Es wird deutlich: Integration gelingt, wenn viele mit anpacken und die Bedingungen dafür schaffen. Integration gelingt, wenn wir uns selbst und unsere Institutionen öffnen, Verwaltungsroutinen hinterfragen und die Aufgabe aktiv annehmen.
Integration gelingt in der Begegnung und im Miteinander im Alltag zum Beispiel beim Memory spielen, während des Schwimmunterrichts, in gemeinsamen Projekten. Wie schnell, das zeigt sich in Weidenberg: Bereits nach ein paar Monaten können die ersten Kinder in die Regelklassen integriert werden. Einige werden sogar eine Empfehlung für den M-Zweig erhalten.

Und was sagen die Kinder selbst? Als wir das Klassenzimmer betreten, rutschen die insgesamt 19 Mädchen und Buben aus Syrien, Afghanistan und vielen anderen Ländern im Alter von 11 bis 17 Jahren nervös auf ihren Stühlen herum. Erst beim gemeinsamen Spielen tauen die Kinder sichtbar auf. Sie wollen zeigen was sie können.Besuch einer Übergangsklasse2 Wörter wie Radieschen oder Zwiebel entpuppen sich als wahre Zungenbrecher, die aber mit Bravour gemeistert werden. Die Lehrerin Saskia Lederer hat alles im Griff und ist stolz darauf, dass ihre Schützlinge schon nach 8 Wochen fehlerfrei ihren Namen, ihr Herkunftsland, den aktuellen Wohnort und ihre Lieblingsbeschäftigung sagen können. Frau Lederer ist ausgebildete Fachlehrerin für Deutsch als Zweitsprache und wird unterstützt von der Schulsozialarbeiterin Julia Leeb.
Hier zeigt sich schon was politisch zu tun ist: Die Schulsozialarbeit wird nicht vom Freistaat finanziert sondern aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Beantragung und Verwaltung dieser Mittel sowie die Vorfinanzierung übernimmt der Förderverein mit seiner Vorsitzenden Irene von der Weth. Sie verweist darauf, dass das Modell Weidenberg nur deshalb so gut funktioniert, weil die Schule von engagierten Ehrenamtlichen mitgetragen wird, die sowohl rechtliche, finanzielle als auch praktische Unterstützung bieten. Ohne diese Zusammenarbeit würde es nicht gehen, bestätigt auch Rektor Müller. Und auch der Schulamtsdirektor des Landkreises Bayreuth, Günther Roß, wünscht sich mehr Unterstützung aus dem Kultusministerium: „Da lässt einen der Staat ein Stück weit allein“

Mein Fazit: Das System Schule muss sich den neuen Anforderungen stellen und darf sich nicht hinter bürokratischen Hürden verstecken. Die Verwaltung muss deutlich flexibler werden, gerade was die Beantragung von Mitteln und zusätzlichem Personal auch während des Schuljahres angeht. Schließlich kommen die Flüchtlingskinder nicht an einem festgelegten Stichtag. Besuch einer Übergangsklasse3Die sprachliche und kulturelle Grundbildung für die kleinen Neuankömmlinge sollte in allen Schularten geleistet werden. Deshalb sollten sich auch Gymnasien und Realschulen als Orte der Integration begreifen und diese Aufgabe nicht ausschließlich den Grund-, Mittel- und Berufsschulen überlassen. Wenig hilfreich sind die befristeten Anstellungen. Auf der einen Seite fehlt es an Personal, insbesondere für Deutsch als Zweitsprache, und auf der anderen Seite erhalten die vorhandenen Fachkräfte überwiegend unsichere Jahresverträge. Wir alle wissen: unsere Gesellschaft wird bunter und vielfältiger und Integration ist eine Daueraufgabe. Deshalb darf auch Integrationspolitik keine Übergangs-Politik sein, sondern eine Politik, die mit verlässlichen Strukturen und langfristigen Perspektiven den richtigen Rahmen schafft, damit das Engagement und die Kompetenz aller Beteiligter Früchte tragen kann. Davon würden nicht nur die Flüchtlingskinder sondern wir alle profitieren.

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