Greta2016

Woher kommt der Terror?

Junge Menschen hier bei uns radikalisieren sich – dem müssen wir uns stellen.

Geradezu triumphierend kommt Thomas Kreuzer wenige Tage nach den Terroranschlägen von Paris im Plenum auf mich zu: „Jetzt ist es soweit!“, sagt der CSU-Fraktionsvorsitzende und raunt bedeutungsschwer:„Unter den Terroristen von Paris war ein in Bayern registrierter Flüchtling“, als wolle er sagen: „Hab ich nicht immer davor gewarnt: Mit den Flüchtlingen kommt der Terror nach Europa.“ Einen Tag später muss Innenminister Herrmann einräumen, dass es sich um eine Falschmeldung gehandelt hat. Ob nur aus Nervositätund Wichtigtuerei oder eine bewusste Instrumentalisierung des Terrors – extrem peinlich war das allemal. Und schädlich, weil damit die grassierende Verunsicherung noch verstärkt wird. Wo die Verunsicherung wächst, da wächst auch das Bedürfnis nach einfachen Antworten und schnell identifizierbaren Schuldigen. Dabei braucht es gerade in aufgeheizten Debatten Klarheit und Vernunft. Das beste Mittel gegen Gerüchte sind Fakten. Deshalb lohnt noch einmal der Blick darauf, was wir offiziell über die Attentäter von Paris wissen. Derzeit wird von neun Terroristen ausgegangen, von denen sieben identifiziert sind. Diese sieben jungen Männer im Alter von 20 bis 31 Jahren sind in Frankreich und Belgien geboren beziehungsweise aufgewachsen. Nahezu alle hielten sich für längere Zeit in Syrien auf. Zwei bisher nicht identifizierte Selbstmordattentäter sind im Oktober 2015 auf der griechischen Insel Leros registriert worden und trugen syrische Pässe bei sich. Die Attentäter sind also hauptsächlich Europäer, ihre Radikalisierung hat in Paris, Straßburg oder Brüssel stattgefunden.

Egal woher ihre Vorfahren kamen – von klein auf sollen Menschen, die hier leben, sich als Teil dieser Gesellschaft begreifen können und sie mitgestalten wollen. Wenn dies nicht gelingt, so sind die Probleme und Herausforderungen auch Teil unserer Gesellschaft – und wir müssen uns ihnen stellen.

Egal woher ihre Vorfahren kamen – von klein auf sollen Menschen, die hier leben, sich als Teil dieser Gesellschaft begreifen können und sie mitgestalten wollen.
Wenn dies nicht gelingt, so sind die Probleme und Herausforderungen auch Teil unserer Gesellschaft – und wir müssen uns ihnen stellen.

Wir wissen ebenfalls: Auch Deutschland ist vom islamistischen Radikalismus betroffen. Der in Berlin lebende Psychologe und Buchautor Ahmad Mansour („Generation Allah“) geht davon aus, dass in Deutschland 1.500 bis 1.800 junge Menschen leben, die bereit sind, für ihre radikale Überzeugung in den Krieg zu ziehen. Die offizielle Schätzung von 700 hält er für deutlich zu niedrig. Und er betont: Es geht nicht um Migranten, es geht um deutsche Jugendliche, sie sind Teil unserer Gesellschaft. Deshalb sind auch ihre Probleme und die Herausforderungen, vor die sie uns stellen, Teil unserer Gesellschaft. Was also tun? Zunächst: wir müssen genau hinschauen und das Ausmaß und die Mechanismen der Radikalisierung verstehen, anstatt radikalisierte Jugendliche einfach nur wegzusperren oder auszuweisen. Wir müssen begreifen, wie und warum junge Menschen in unserer demokratischen Gesellschaft anfällig werden für islamistische Propaganda und gewaltbereiten Salafismus. Wir müssen deutlich machen, dass der Kampf gegen die Radikalisierung nicht allein die Aufgabe von Polizei und Sicherheitsbehörden ist, sondern langfristig angelegte präventive Konzepte benötigt, von den Jugendämtern über die Schulen bis hin zu den muslimischen Gemeinden. Wir müssen agieren und nicht nur reagieren. Auf unsere Initiative hin fand im Oktober im Landtag eine spannende Anhörung statt zur „Lage und Prävention von gewaltbereiter islamistischer Radikalisierung, insbesondere bei jungen Menschen“. Katharina Schulze hat daraus ein ganzes Antragspaket für eine neue umfassene Präventionspolitik erarbeitet. Wir brauchen weder Verharmlosung noch Panikmache, sondern wirksame Konzepte für Deradikalisierung und die Stärkung unserer Demokratie.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Februar Ausgabe des Stadtmagazins der Münchner Grünen GRETA.

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